"Im Schwebezustand" will ausdrücken, dass meine Familie und ich derzeit keinen Boden unter den Füßen haben. Da sind wohl viele Menschen, die uns Halt geben wollen, aber wir sind nicht an einem Ort, an den wir derzeit gehören, wir befinden uns in einem Schwebezustand. Über diesen Zustand möchte ich in den kommenden Wochen schreiben.
Da so viele Menschen nicht an der Abitur-Feier teilnehmen konnten, die dies gerne getan hätten, gibt es hier meine Abitur-Rede zum Nachlesen.
-> Abitur-Rede
Der Abschluss dieses Blogs wird in den kommenden Tagen erfolgen.
Als es am 11. April im Gästehaus losging, waren ja bereits vier Wochen seit dem großen Erdbeben vergangen. In der ersten dieser Woche war ich mit meiner Familie mit dem Rückflug beschäftigt, den Krankheiten der Kinder, dem Klarkommen mit der Tatsache, dass wir im Grunde unsere Heimat verloren hatten. Zeitgleich hatte ich aber auch bereits über Facebook mit meinen Zwölftklässlern Kontakt aufgenommen, um auf dem Laufenden zu sein, wie es einem jeden und einer jeden in der Katastrophe ergeht. Das hat ganz schnell geklappt, weil auch die Schülerinnen und Schüler das Gefühl hatten, diese Verbindung zur Schule zu benötigen.
Ab der zweiten Woche nach dem Erdbeben arbeitete ich in Köln mit unserem Schulleiter und einem, manchmal zwei Kollegen an der Bewältigung der Katastrophe, zunächst noch in dem Glauben, dass es in Japan weitergehen könnte, bald aber in der Gewissheit, dass den Schülerinnen und Schülern ein sicheres Abitur ermöglicht werden muss, was zu dem Zeitpunkt nur in Deutschland möglich war. In dieser Zeit entstand auch der Kontakt mit den 13ern, zunächst nur, um Arbeitsaufträge zu versenden, bald aber auch, um für alle möglichen Fragen rund um das Abitur zur Verfügung zu stehen. Als dann schließlich auch klar war, dass 32 Schülerinnen und Schüler in das Gästehaus der Stadt Köln ziehen würden, machte mir dieser enge Kontakt und auch ein gewisses Vertrauen, das ich von vielen Seiten verspürte, deutlich, dass ich mit den Schülern in das Gästehaus einziehen würde – schließlich musste eine Lehrkraft ja diese Aufgabe übernehmen. Zunächst waren wir noch davon ausgegangen, dass die anderen Kolleginnen und Kollegen, die ein-oder mehrtägig nach Köln zum Unterrichten kamen, auch mit im Gästehaus wohnen würden, aber von diesem Gedanken sind wir schnell aus den verschiedensten Gründen abgekommen. Und als es sich schwierig gestaltete, für die Wochenenden Entlastung zu finden, bin ich dann an den Wochenenden – mit Ausnahme zweier Wochenenden, an denen ich dankenswerterweise von Kollegen vertreten worden bin, damit ich nicht sieben Wochen am Stück fern von Frau und Söhnen war – ganz dageblieben, da ich es für wichtig hielt, dass die Schülerinnen und Schüler einen Ansprechpartner vor Ort hatten, auch wenn klar war, dass sie einen solchen im Normalfall nicht gebraucht hätten.
Die gemeinsame Zeit, die wir hier in Köln verbringen, ist schon ziemlich außergewöhnlich. Zunächst einmal, weil ich meine Rolle für mich neu finden musste. Ich bin normalerweise ein Typ, der gerne die Kontrolle behält, klare Regeln setzt, sich selbst bemüht seine Prinzipien einzuhalten; in der gegenwärtigen Situation jedoch muss ich den Schülerinnen und Schülern ihren privaten Raum lassen, in dem sie sich nicht ständig kontrolliert fühlen, ich muss Vertrauensperson, nicht Respektsperson sein, damit die Atmosphäre locker genug ist und sich die Schüler so wohl wie möglich fühlen.
Ich habe das Eindruck, dass das alles ganz gut gelungen ist. Wir hatten seit Beginn unserer Zeit im Gästehaus eine entspannte Stimmung, trotz vieler leichterer und schwererer Krankheiten ist keine Unruhe aufgekommen, größere Streitigkeiten sind ausgeblieben – zumindest habe ich nichts davon mitbekommen. Ich bin davon wirklich beeindruckt, auch davon, dass nach kleineren Problemen zu Beginn insgesamt die paar Regeln, die für das Zusammenleben in diesem Haus notwendig sind, eingehalten wurden, es keine Beschwerden über uns gab, ich selbst nie eingreifen musste, um irgendwie die Ordnung herzustellen. Statt dessen wird gemeinsam gekocht und gegessen, Zimmergemeinschaften bilden sich, lösen sich wieder auf, bilden sich teilweise wieder neu, es wird gemeinsam gefrühstückt und gearbeitet – all das geschieht entspannt und macht die Zeit für alle zumindest erträglich, auch wenn wir alle doch viel lieber in Yokohama wären und dort unsere Vorbereitungen in der gewohnten Umgebung durchführen würden.
Der Unterricht selbst war – er ist heute zu Ende gegangen – natürlich auch recht eigen. Ich hatte den Stundenplan so angelegt, dass jeden Tag Blockunterricht stattfand, bei dem jeder Unterricht in mehreren Stunden, in der Regel drei oder fünf, abgehalten wurde. Ich selber bin ja mit Geschichte und Latein in beiden Klassen tätig, und so kam es, dass ich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zum Frühstücken in die Riehler Jugendherberge gelaufen bin, wir dort gemeinsam gefrühstückt haben, dann gemeinsam zur Bahn gelaufen und zur Schule gefahren sind, bevor ich mich dann kurz in mein Büro verzog, um dann bald darauf in der Klasse aufzutauchen und wie üblich meinen Unterricht zu halten. Insgesamt hat das gut geklappt, es wurde ordentlich gearbeitet, auch in den anderen Fächern, und wenn manchmal die Lust an einem Referat in diesem oder jenem Fach nicht mehr allzu ausgeprägt war, so haben es doch fast alle geschafft, ihren Pflichten in den verschiedensten Fächern nachzukommen. Ein bisschen mehr Lockerheit hätte ich mich manchmal in der gesamten Schulatmosphäre gewünscht, aber die Situation war wohl für alle Lehrer und Schüler zu fremd, als dass das möglich gewesen wäre.
Jetzt sind es keine zwei Wochen mehr bis zur Abiturprüfung, die auch für mich noch einmal stressig wird. 24 von 35 Schülerinnen und Schülern müssen bei mir in die Geschichts- oder Lateinprüfung, und das ist doch ein gewaltiger Berg, der da vor mir liegt. Aber irgendwie bin ich da auch schon abgehärtet, da ich ja bereits die Prüfungsvorschläge erstellen musste – 91 Seiten dick war das ganze Konvolut, als ich es heute kopiert und eingereicht hatte.
Nach dem Abitur wird es für unsere ganze Familie noch einmal zurück nach Japan gehen, um die letzten vier Wochen dieses Schuljahres zu bestreiten, bevor wir endgültig wieder in Deutschland landen. Schon seit vergangenem Jahr stand ja fest, dass wir in diesem Sommer Japan verlassen werden, da Milan dann in die Schule kommt und wir diese Einschulung gerne in Deutschland vornehmen möchten. Ob meine nächste Stelle die gewünschte sein wird, steht noch nicht fest, aber irgendwo werde ich schon landen. Damit werde ich mich aber erst dann gedanklich befassen, wenn mich ein Alltag wieder halbwegs in die Routine aufgenommen hat.
Meine Schülerinnen und Schüler wird diese Zeit sicherlich genauso wie mich für die Zukunft stark prägen. Während das bei mir allerdings eher in beruflicher Hinsicht Auswirkungen haben wird – ich denke schon, dass ich, ein eigentlich eher auf professionelle Distanz achtender Typ, hier als Lehrer noch einmal neu geprägt werde –, werden sich die Schülerinnen und Schüler durch das Erlebte sicherlich auch ganz persönlich weiterentwickeln. Sie lernen allein zu wohnen, sich allein zu versorgen, in der Gemeinschaft zu leben, sich Rechte für sich zu nehmen und die Rechte anderer zu achten, und zwar in weit stärkerem Maße, als dies im normalen Schulalltag möglich gewesen wäre. Dass sich alle auch darauf eingelassen haben – nicht nur gezwungenermaßen äußerlich, sondern auch innerlich –, dafür haben die Schülerinnen und Schüler meinen allerhöchsten Respekt, damit haben sie ihre soziale Reifeprüfung abgelegt, ein Begriff, der mir vor sechs Wochen während einer Pressekonferenz eher spontan eingefallen ist und dessen Berechtigung sich mehr als erwiesen hat.
Am Samstagabend habe ich diejenigen meiner Schülerinnen und Schüler vom Flughafen Frankfurt/Main abgeholt, die aus Japan nach Deutschland kamen, um hier ihre Abiturprüfung zu absolvieren. Wir fuhren gleich in das Gästehaus der Stadt Köln, in dem uns auf sehr großzügige Weise zwei Stockwerke zur Verfügung gestellt wurden. Hier kann ich zur Ruhe kommen, trotz Lärm und Musik in den Gängen, den 35 Schülerinnen und Schüler nun mal produzieren. In den vergangenen Wochen habe ich unter der Woche auf der Couch von lieben Freunden in Köln übernachtet - tagsüber war ja mein Arbeitsplatz am Bundesverwaltungsamt in Köln, von dem aus wir unsere Schule reorganisiert haben -, am Wochenende habe ich meine Familie getroffen, mal in Bechhofen, mal in Hildesheim, mal in Wahnwegen, je nachdem, wo wir uns gerade verabredet haben. Ich habe aus der Reisetasche gelebt, mit den immer selben alten Kleidern, die ich in Yokohama eingepackt hatte.
Wir waren natürlich sehr froh, dass wir immer ein Unterkommen gefunden haben, überall wurde für uns Platz gemacht, aber nirgends kam ich wirklich an, weil es überall Provisorien, Kurzbesuche eben, waren. Als ich Samstagabend im Gästehaus ankam und meine Sachen auspackte, hatte ich zum ersten Mal wieder das Gefühl anzukommen, sesshaft zu werden. Natürlich werde ich an den meisten Wochenenden zu meinen Lieben fahren, aber mein kleines Zimmer gibt mir zu verstehen, dass ich hier erst einmal meinen Platz habe, meine Arbeit, einen Großteil meiner Verantwortung. Wenn die sieben Wochen vorüber sind und meine Schüler ihr Abiturzeugnis in den Händen halten, werde ich diesen Kraftakt beenden und mich ein wenig auf mich und meine Familie zurückziehen.
In den letzten Wochen habe ich wie nie gemerkt, dass ich ein Zuhause brauche. Ich habe irgendwie neben mir her gelebt, habe funktioniert, manchmal erdrückt von der Wucht, mit der die Ereignisse tagtäglich über uns hereinbrachen. Ich habe Fehler gemacht, die ich nicht von mir kenne, war dünnhäutig, manchmal sogar nah am Wasser gebaut. Nun merke ich, wie ich zur Ruhe komme, mit Schwierigkeiten zwar, aber immerhin. Ich verbringe den Großteil meiner Zeit in Köln, freue mich, dass ich meine Familie, nach der ich mich sehne, am Wochenende sehen werde, habe endlich mal wieder Zeit, abends etwas einzukaufen, kann abends ausgehen, loslassen - Dinge, die in den vergangenen Wochen überhaupt nicht möglich waren. Das Gästehaus ist nicht wirklich mein Zuhause, aber Ich bin mein Zuhause, und ich bin langsam dabei, dieses Zuhause wieder zu finden.
Schon bald, nachdem die Misere in Japan begonnen und ich dann den Blog eröffnet hatte, in dem ich unsere Erlebnisse und Erfahrungen beschrieb, habe ich gemerkt, wie sehr die Menschen Anteil daran genommen haben. Es rührte uns sehr an mitzubekommen, wie all diese Menschen immer wieder Hilfe anboten, die wir auch annahmen und weiterhin annehmen (müssen). Unsere Freunde aus Bechhofen haben sich einen ganzen Tag freigenommen und uns aus Zürich abgeholt, danach die ganze Familie ganz herzlich versorgt und beherbergt. Unsere Freunde aus Köln haben mich zwei Wochen bei sich aufgenommen, während der ich bestimmt kein guter Gast war - früh aus dem Haus, spät wieder zurück, ansonsten auch nicht besonders gesprächig. Ein Freund aus Jugendzeiten stellt mir seine Einliegerwohnung zur Verfügung, nachdem ich ihn wohl um die zwanzig Jahre nicht mehr gesehen habe. Von meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, zu denen ich in den letzten Jahren auch nicht mehr allzu viel Kontakt hatte, wurde mir berichtet, dass sie sich täglich informiert hätten, wie es mir und meiner Familie und meiner Schule ging. Wir haben Emails, Gästebucheinträge, Blog-Kommentare bekommen, die unser Gemüt immer wieder aufgerichtet haben, darunter sogar solche von ehemaligen Klassenkameraden, zu denen wir seit der Schulzeit keinerlei Kontakt mehr hatten Und auch wenn ich sehe, dass mein letzter Blogeintrag von über 80 Leuten gelesen wurde, dass ich darauf ganz positive und herzliche Rückmeldungen bekomen habe, ist das ein wirklich tröstlicher Gedanke.
Gewiss muss man sich zwingen, nicht nur das Negative zu sehen (eine deutsche Macke?), sondern auch Gute, das all dem innewohnt. Das fällt schwer. Aber dennoch ist dies eine Chance, die ich mir vorgenommen habe zu nutzen, wenn die Zeitläufte sich wieder etwas beruhigt haben. Jetzt gilt es noch die Schule zu planen, insbesondere das Abitur meiner 12er und 13er, bei dem noch nicht klar ist, ob die fünf Wochen Unterricht davor und dann die Prüfungen selbst in Yokohama oder in Köln stattfinden werden. Wenn das klar ist und ich wieder unterrichten kann und der Druck des Organisierenmüssens ein wenig abfällt, hoffe ich, die Kontakte, die jetzt neu entstanden sind, etwas besser pflegen zu können, auch wenn ich ja nicht wirklich ein Gesellschaftstier bin, leider.
Nach den schon beinahe - so empfanden wir es jedenfalls - dramatischen Ereignissen, die ich in meinem Blog "Erdbeben in Japan" geschildert habe (mittlerweile hier zu finden: http://www.wehmann.eu/blog-erdbeben-in-japan) sind die letzten zehn Tage ziemlich ruhig abgelaufen. Schwebezustand. Dieser Titel passt. Er passt aber auch nicht. Schweben setzt eine Ruhe voraus, eine innere Ruhe, die wir derzeit nicht haben. Die müssten wir doch haben, könnte man meinen. Dem ist aber nicht so.
Natürlich, wir sind alle in Deutschland angekommen. Unser Jüngster hat seit gestern auch seine Gesundheit attestiert. Hab und Gut haben wir nicht verloren. Dennoch: Wir fühlen, dass wir derzeit einfach nicht nach Deutschland gehören. Wir gehören nach Japan. Dabei ist und bleibt mir das Japanische fremd, aber auf dieses Fremde ist mein Hirn eingestellt, und deswegen zieht es mich dorthin zurück, an "meine" Schule zieht es mich zurück. Meine Kinder gehören dorthin, betrachten sich selbst ja als halbe Japaner. Meine Frau gehört dorthin, hat viele japanische Freudinnen und Bekannte dort, sorgt sich um sie.
Nächster Einwand: Im Sommer wärst Du doch ohnehin nach Deutschland zurückgekehrt. Klar. Aber dann hätte ich Zeit gehabt, mich von Japan zu verabschieden, Zeit gehabt, mich von meiner Schule und meinen Schülern zu verabschieden, Zeit, die letzten so intensiven Jahre hinter mir zu lassen. Die hatte ich jetzt nicht. Angekommen am Freitag, das Notwendigste organisiert am Samstag, nach Köln gereist am Sonntag, im Krisenstab gearbeitet ab Montag. Da war kein Raum zum Nachdenken, und als ich dazu gezwungen war - am Donnerstag, als wir uns mit den Kollegen trafen und unsere Gefühle schildern sollten -, da verlor ich die Fassung, bekam das Wort nicht mehr heraus. Und habe es im Grunde bis jetzt kaum wieder gefunden.
Darum will ich mich nun an dieser Stelle bemühen, und zwar bewusst ganz öffentlich, weil ich sicher bin, dass es anderen ganz genauso geht. Vielleicht hilft es ja.
Heute habe ich die Frage gehört, ob die Lehrer meiner Schule überhaupt nach Japan zurückkehren wollen. Ich kenne kaum einen, der das nicht möchte. Den meisten ist die Schule ans Herz gewachsen, und das spürt man natürlich besonders intensiv nach einem solchen plötzlichen Verlust. Wir hoffen, dass endlich kompetente Techniker einer definitiv inkompetenten Firma die havarierte Atomanlage in den Griff bekommen, damit wir wieder nach Yokohama zurückkehren und dort wieder unsere Arbeit aufnehmen können, der wir gerne nachgehen, mit Schülerinnen und Schülern, die uns am Herzen liegen.
Also: In den kommenden Wochen werde ich diesen Blog führen, um meine Aufgaben zu beschreiben, aber auch um zu schildern, was mich beschäftigt, welche Gedanken mir in den Sinn kommen, welche Gefühle in mir aufsteigen. Auf diese Weise möchte ich eine Zeit dokumentieren, die für uns alle, die wir einen engen Bezug zu Japan haben, eine ganz wichtige ist, sei es, weil wir als Erwachsene einfach so entwurzelt wurden, sei es, weil unseren Schülerinnen und Schülern ihre sozialen Bezugspunkte genommen wurden, sei es, weil unseren Abiturientinnen und Abiturienten die Möglichkeit genommen wurde, ihren Abschluss in aller Ruhe und Besonnenheit, die dafür von Nöten sind, zu bewältigen.
Dass es dabei Menschen gibt, die viel mehr verloren haben und verlieren als alle, die ich eben erwähnt habe, ist dabei leider eine traurige Tatsache, die wir nicht vergessen dürfen.
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