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Zum Abi von Tokio nach Köln

Zum Abi von Tokio nach Köln
Artikel vom:
28.05.2011
Quelle:
WDR Online
Autor:
Christian Bernstein
Rubrik:
Panorama
Kategorie:
DSTY-Abitur in Köln

Artikel Inhalt

Es ist die wohl ungewöhnlichste Abifeier des Jahres: 35 Abiturienten der deutschen Schule in Tokio haben am Freitag (27.05.11) in Köln ihre Abizeugnisse bekommen. Vor sieben Wochen waren sie vor der Strahlung nach Deutschland geflüchtet, um ihre Prüfungen abzulegen.

Mit asiatischer Gelassenheit sitzen Maximilian, Cathrin und Lukas in einem kahlen Klassenzimmer der Kaiserin-Theophanu-Schule in Köln-Kalk. Sie sind drei der 35 Abiturienten aus Tokio, und man sieht ihnen nicht an, dass turbulente Wochen hinter ihnen liegen.

Schneller Abschied von Tokio

Sicher, so sagen sie, hätten sie lieber in Tokio ihr Abitur gemacht, zuhause, bei ihren Familien. Dass es jetzt Köln geworden ist: nicht zu ändern. Als Exoten fühlen sie sich deshalb aber nicht. Obwohl der schnelle Abschied einigen nicht leicht fiel. "Es war schon hart, von der Familie wegzugehen", sagt die 18-jährige Cathrin Marxer. Ihre Mutter ist Japanerin, der Vater kommt aus Liechtenstein.

Trotzdem musste es irgendwie klappen mit dem Abitur in Deutschland. "Wenn man halbwegs flexibel ist, geht das", sagt der 17-jährige Maximilian Böhm. Seine Eltern arbeiten in Japan, doch nach dem Abi wird er nicht dorthin zurückkehren, um dort zu leben. "Nur für ein paar Tage noch mal, um meine Sachen zu packen." Danach will er Wirtschaftswissenschaften in Stuttgart studieren. Auch Cathrin will nicht auf Dauer nach Japan zurück. Sie will Jura in Zürich studieren.

Wanderer zwischen den Welten

Maximilian Böhm; Rechte: WDR / BernsteinBild vergrößern

Abiturient Maximilian Böhm

So wie Cathrin und Maximilian geht es auch vielen ihrer Mitschüler. Sie sind Wanderer zwischen den Welten, Vielflieger, irgendwie in Japan zuhause, und doch auch Kosmopoliten. Veränderung, Reisen, umziehen: das alles ist Teil ihres Lebens. Wohl auch deshalb hielt sich der Stress für die Gruppe in Grenzen, als es nach dem Beben kurzfristig hieß: Das Abitur wird in Deutschland gemacht. Zeitweilig sei nach der Katastrophe fraglich gewesen, ob sie überhaupt Abi machen können, erzählt Cathrin. "Das Schlimme war die Ungewissheit, was jetzt wird", erzählt die 18-jährige. "Wir haben uns gefreut, dass wir überhaupt Gelegenheit bekommen, unser Abi hier in Köln zu machen", sagt Cathrin.

Schuldirektor Michael Szewczyk ist für die Prüfungen und die Abiturfeier eigens von Tokio nach Köln gekommen. Die meisten seiner Schüler, erzählt er, seien dreisprachig aufgewachsen - deutsch, japanisch, englisch. "Das sind Kinder der Globalisierung", sagt Szewcyk. Viele hätten bereits mehrere Schulwechsel hinter sich. "Die können sich schnell auf Veränderungen einstellen", sagt Szewczyk.

Sondergenehmigung der Kultusministerkonferenz

Etwa zehn bis zwölf Tage nach dem verheerenden Beben sei klar geworden, dass die deutsche Schule in Tokio nach einer Lösung für ihren Abiturjahrgang suchen muss, berichtet der Direktor. Innerhalb von drei Wochen organisierte die Schule die Reise nach Köln. Dass es ausgerechnet die Domstadt wurde, ist kein Zufall: Hier ist die Zentralstelle für Auslandsschulwesen des Bundesverwaltungsamts. Über Kontakte zur Stadt fand sich schnell eine Schule, die die Schüler in Not aufnahm. "Da war die Stadt Köln sehr hilfreich", sagt Szewczyk.

Organisiert hat die Reise Philipp Wehmann. Er ist Geschichts- und Lateinlehrer an der deutschen Schule in Tokio. Wehmann hat in den vergangenen sieben Wochen mit den 35 Schülern in Köln in einem Gästehaus gewohnt. Nur kurz habe zu Beginn die Atmosphäre einer Klassenfahrt geherrscht. Die ersten Tage hätten einige Schüler gefeiert und seien immer erst gegen zwei Uhr in Bett gegangen. "Die Schüler haben aber schnell den Ernst der Lage erkannt." Denn der Ausflug nach Deutschland war kein Spaß. Mit Sondergenehmigung der Kultusministerkonferenz musste die Gruppe noch fünf Wochen Unterricht in Deutschland absolvieren, zusätzlich zur Vorbereitung aufs Abitur. Dafür flogen eigens zehn Lehrer der deutschen Schule Tokio nach Köln und gaben blockweise Unterricht. "Wir sind die ersten, die ein deutsches Auslandsabitur in Deutschland gemacht haben", grinst Wehmann.

Für die Wochenenden organisierte der Lehrer Ausflüge. Die Schüler sahen ein Spiel von Bayer Leverkusen und besuchten die Universität Köln. Bei einem Fußballturnier waren plötzlich seine Qualitäten als Trainer gefragt. "Da muss man zum Allrounder werden", lacht Wehmann. So etwas erlebe man wohl nur einmal im Leben, sagt er.

Die 'Blaue Mauritius' unter den Abiturzeugnissen

Einmalig werden wohl auch die Abiturzeugnisse werden, sagt Direktor Michael Szewczyk. Aus Japan hat er mächtig Übergepäck mitgebracht. "Ich habe mehrere Kilo Zeugnispapier mitgeschleppt", lacht er. Und auch das Ausstellen der Zeugnisse sei eine logistische Leistung: Um sie zu drucken, habe er sich per Internet in das Zeugnisprogramm der deutschen Schule in Tokio einwählen müssen. Und obwohl "Köln" als Ausstellungsort auf den Papieren vermerkt sei, müssten sie noch von einer Vertreterin der deutschen Botschaft in Japan gestempelt werden. "Diese Zeugnisse sind wohl die 'Blaue Mauritius' unter den Abiturzeugnissen", freut sich Szewczyk.

Bestanden haben übrigens alle. Mit der Hochschulreife wird sich die exotische Gruppe nach dem kurzen Gastspiel in Köln wohl in die ganze Welt verstreuen. Einzig Lukas Berns will nach seinem Abitur nach Japan zurück. Seine Eltern kommen eigentlich aus Düsseldorf, arbeiten aber schon seit Jahren in Japan. Lukas ist in Japan geboren und aufgewachsen. Deutschland kennt er nur von Besuchen. "Deutschland ist für mich Ausland", sagt der 18-Jährige. Köln behält er trotzdem in guter Erinnerung: "Es hat Spaß gemacht." Doch jetzt will er so schnell wie möglich zurück, um in Japan Physik zu studieren. Mit seinem deutschen Abitur von 1,0 sollte das kein Problem werden.

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