In der letzten Woche vor unserer Rückreise nach Deutschland möchte ich dokumentieren, wie wir von Japan Abschied nehmen. Jeden Tag greife ich einen Aspekt unseres Lebens hier heraus und beschreibe - vielleicht in etwas ungewöhnlicher Form - unsere Gedanken und Empfindungen, Erfahrungen und Erlebnisse, die wir damit in Verbindung bringen.
Heute wurden wir bei der Verabschiedung am Busbahnhof am Center Minami schier überwältigt. Nachdem heute Mittag die letzten Möbel von verschiedenen Kindergartenmüttern abtransportiert worden waren, nachdem sich diese auch bereit erklärt hatten, unsere letzten Dinge zu entsorgen, um die wir uns nicht mehr kümmern konnten, und nachdem eine Mutter dann unsere vier Koffer, die große Reisetasche und die vier Stück Handgepäck mitsamt Nicole und den Kindern an die Bushaltestelle geschafft hatte, warteten wir ab Viertel nach drei auf den Bus, der uns eine halbe Stunde später nach Narita bringen sollte. Was staunten wir, als dann nach und nach Dutzende von Kindergartenkindern mit ihren Müttern und Erzieherinnen auftauchten, um sich von uns zu verabschieden. Überall flossen Tränen – na ja, Kolya rannte, sobald sein Freund Noburin gekommen war, mit diesem nur noch jauchzend um die Wette; die beiden sind schon ein besonderes Paar, die sich wahrscheinlich auf immer und ewig verstehen werden –, es wurden letzte Geschenke überreicht, letzte gute Wünsche und Einladungen ausgesprochen, letzte Umarmungen ausgetauscht. Als dann der Bus kam, hörten wir nur noch die vielen „O genki de!“-Rufe, stiegen in den Bus, die Rufe gingen weiter, eine Mutter filmte das ganze, während auch ihr die Tränen liefen, alle winkten und winkten, bis wir im Bus um die nächste Straßenecke fuhren.
Wir haben früher oft gehört, dass die Japaner Fremde nicht so recht an sich heranließen. Dass Freundschaften mit Japanern unmöglich seien, da diese daran gar nicht interessiert wären. Aber soweit solche Verallgemeinerungen überhaupt zulässig sind: Schon meine Eltern hatten Gegenteiliges erfahren, als sie bis vor zehn Jahren in Japan gelebt hatten, und auch das, was wir hier erfahren haben, widerspricht dem vollkommen. Vielleicht dauert es länger, bis Japaner sich auf Fremde und Fremdes einlassen, aber wenn sie erst einmal damit begonnen haben, wird der Kontakt sehr eng. Bisher kannte ich das nur aus den Erzählungen von Nicole – wie wurde sie beispielsweise umsorgt, als sie im Mai in Japan war, um unseren Umzug zu organisieren! –, am Samstag und dann auch gestern wurde ich nun auch direkt Augen-und Herzenszeuge.
Einerseits machen es diese Erlebnisse natürlich noch schwerer, das Land hinter sich zu lassen, andererseits macht es das auch leichter, wissen wir doch, dass wir hier Spuren hinterlassen haben, dass Freundschaften zurückbleiben, dass mit Besuchen bei uns in der Pfalz zu rechnen sein wird, die uns noch ein wenig mehr Japan ins Haus bringen werden.
Nun verbringen wir die letzte Nacht im Hilton in Narita, und das Herz ist uns schwer und leicht zugleich. Wir freuen uns auf die neuen Herausforderungen, die auf uns warten, wir freuen uns auf Freunde und Familie, die wir in Deutschland zurückgelassen hatten, uns ist aber spätestens heute noch einmal klar geworden, welchen Schatz wir in Japan zurücklassen. Sayonara, Japan!
Da blicke ich nun von fast 3800 Metern Höhe hinab auf die Kanto-Ebene und soll etwas äußern zu irgendeiner Familie, die Japan verlassen wird. Was kümmert´s mich? Nun, die vier Leute waren regelmäßige Besucher am Kawaguchiko, fast jedes Jahr kamen sie wenigstens einmal, ließen sich im Sunnide Resort nieder und versuchten, einen Blick von mir zu erhaschen – und sie wären wohl noch öfter gekommen, wenn der Mann nicht einen Horror davor gehabt hätte, in den endlosen Autokarawanen zu landen, die sich an jedem schönen Sontagnachmittag in Richtung Tokyo wälzen.
Das schönste an der Herberge ist wohl ihr Onsen. Bei jeder noch so kurzen Stippvisite wurde er aufgesucht. Ich weiß ja nicht, ob es nicht Onsen mit gesünderem Wasser gibt, aber der Blick zu mir hinüber ist doch ein besonderer. Im Bildvordergrund liegt der See, und dahinter erhebe ich mich majestätisch mit meiner kürzeren nördlichen und der etwas länger auslaufenden südlichen Seite. Allerdings habe ich es gerade beim ersten Besuch im Herbst 2007 der Familie nicht leicht gemacht, mich zu sehen, vier Tage musste sie warten, bis ich am Morgen des fünften Tages mein Haupt entblößte. Was haben die vier gestaunt ob meiner Schönheit, die ich ja nun wirklich besitze, nicht wahr?
Diese Schönheit wollten sich der Vater und der ältere Sohn schon lange von Nahem anschauen. Während es der Sohn jedoch nur versprochen bekam, ihm jedoch nie die Möglichkeit dazu gewährt wurde, stieg der Vater im vergangenen Sommer mit drei Kollegen von der fünften Station bis zu meinem Gipfel hinauf. Was haben sie geflucht, ich weiß gar nicht ob wegen der Steigung oder wegen des langen Menschenwurms, der sich dort den Anstieg hinaufquälte! Nachmittags ging es los, nach sechs Stunden waren sie an der Hütte angekommen, wo sie einfaches Curry zu sich nahmen, um dann bis halb 2 zu schlafen. Das hat mehr schlecht als recht geklappt. Dann haben sie sich wieder auf den Weg gemacht und kamen dann bald nach drei oben an, wo sie gefroren haben wie die Schneider, nur um den Sonnenaufgang bestaunen zu können. Hat sich aber gelohnt, es war ein schöner Blick, als die Sonne die Wolken durchbrach. Ich glaube, dass zu guter Letzt noch jeder froh gewesen ist, wenn er meinen Gipfel erklommen hat.
Insgesamt hatten alle Besuche einen recht unterschiedlichen Charakter. Beim ersten ging es, wie angedeutet, um das Erblicken meines Gipfels, bei einem zweiten, tief im Winter, darum, ein paar ruhige Stunden in einer der Hütten zu verbringen, die das Sunnide auch im Angebot hat, beim letzten ging es vor allem darum, noch einmal Sumiyaki zu essen, das sie bei einem der vorangegangenen Besuche schon einmal kennen gelernt haben. Dabei bekommt man je nach Bestellung einen Teller mit rohem Fleisch, Fisch und Gemüse; man sitzt vor einer Kohlegrillstelle und bereitet sein Essen dann selber zu. Zum Abschluss gibt es dann, zumindest in meiner Gegend, noch eine Portion Hoto-Nabe, eine Nudelsuppe, die typisch für die Region Yamanashi ist.
Aber nicht nur Familienreisen gab es. Die Mutter kam mit ihrer Freundin, ihren Schwestern und ihrem Vater und dessen Gefährtin, der Vater mit einer Schulklasse aus der Gegend von Berlin, und immer ging es darum, mich zu sehen. Mit der Schulklasse ist dabei wirklich etwas Witziges passiert. Sie wollten eigentlich zu dem schönen Sengen-Schrein, von dem man üblicherweise den Anstieg vom Norden aus auf meinen Gipfel beginnt. Der Busfahrer hatte aber offensichtlich keine Ahnung, wie er zu diesem Schrein finden sollte, und so fuhr er die Gruppe zu irgendeinem beliebigen, der nun wirklich nicht besonders aussah. Der Leiter der Gruppe, eben besagter Familienvater, hatte das wohl gemerkt, aber um Diskussionen mit den anderen Begleitern vorzubeugen, gab er vor, von nichts zu wissen, und so läuft dieser Schrein noch heute bei rund 20 Menschen nördlich von Berlin als Sengen-Schrein.
Nun, das sind nur Kleinigkeiten, die nicht viel hergeben. Wichtiger ist mir, dass ich glaube, dass ich dieser Familie, die in den vier Jahren, die sie in Japan gelebt hat, nun wahrlich viel gereist ist und von Hawaii bis Thailand, von Singapur bis Taiwan alle mögliche gesehen hat, dass ich dieser Familie wohl doch am nachhaltigsten im Gedächtnis haften bleibe. Und das ist auch der Grund, dass ich mich zu ihrem Abschied äußere. Sie hat mir nichts getan, nicht im Schlechten, nicht im Guten, aber wenn ich guten Eindruck auf sie gemacht habe, dann soll mir das recht sein, und dann will ich ihr auch alles Gute wünschen. Einen edleren Berg als mich wird sie nicht mehr sehen – das darf ich wohl in aller Bescheidenheit sagen –, aber sie soll deswegen nicht in Depressionen verfallen, schließlich hat sie mich letztendlich zur Genüge genießen dürfen, und sie soll nicht den Fehler machen, mich zum Maßstab für alle Berge zu machen, die sie in Zukunft besteigen wird.
Warum nimmt heute niemand Abschied? Weil wir heute selbst unsere Sayonara-Feier begangen haben. Von meinem Chef und seiner Frau abgesehen waren da v.a. eine ganze Menge Mütter, Väter und Kinder aus den beiden Kindergarten-Gruppen unserer Jungs. Es waren da vier Mitglieder von Nicoles japanischer Bambus-Gruppe, zwei deutsche Freundinnen von Nicole mit ihren Familien, es kam Milans Freundin aus dem Karate-Dojo, Erika, eine ganz süße neunjährige, die mich immer ganz anrührt, wenn ich sehe, wie sie sich um unsere beiden Jungs beim Karate kümmert. Heute erzählte ihr Vater, dass sie am liebsten einen Ausländer heiraten würde – wegen der blauen Augen –, wenn möglich Milan oder Kolya. Was soll man da noch sagen?
Wir hatten großes Glück mit dem Wetter, wenn man es ein Glück nennen darf, dass man nicht vom Regen, dafür aber vom Kistenschleppen bei schwüler Hitze vollkommen durchnässt wird. Und so waren wir um 12 Uhr auf dem Hatake, dessen Wasserleitung die Jungs sofort in Beschlag nahmen, um das halbe Feld unter Wasser zu setzen. Nachdem ich alles herbeigeschleppt hatte, konnte auch ich einige schöne Gespräche führen – der Gesprächspartner musste natürlich des Englischen mächtig sein – , mit Erikas Vater Naoki-san, mit den Bambusleuten, die mir immer wieder sagten, wie schön es mit meiner Frau gewesen wäre und dass sie uns unbedingt in Deutschland besuchen wollten, mit einer japanischen Mutter, die mit einem Deutschen zwei Kinder hat, einem Amerikaner, der mit einer Japanerin ebenfalls zwei Kinder hat … Es war alles sehr entspannt, mit den Bambus-Leuten (Durchschnittsalter 70 Jahre) trank ich Sake aus Aizu, der wirklich gut geschmeckt hat, die Kinder waren die ganze Zeit mit sich selbst befasst, die Gäste hatten alle leckeres Essen mitgebracht. Natürlich mussten wir einige Fotos von uns schießen lassen, aber ansonsten konnte man auf einer Bank oder einer Plane sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Einige sehr rührende Abschiedsgeschenke bekamen wir auch. Am schönsten war das Album der Mütter aus Kolyas Kindergartengruppe, in dem jede der gut dreißig Mütter Fotos präpariert, kurze Wünsche formuliert, Kleinigkeiten gebastelt hat. Eine schöne Erinnerung. Erika hat für die beiden Jungs Stäbchen mitgebracht, auf denen die Namen der beiden eingraviert sind.
Die Stäbchen werden die beiden sicherlich gut nutzen. Wir sehen immer wieder, wie japanisch die beiden geworden sind. Natürlich sprechen sie die Sprache fließend, aber wenn Kolya, dessen Lieblingsessen Udon und Miso-Paste sind, sogar Spaghetti Bolognese mit Stäbchen essen möchte; wenn Milan sich verbeugt, um jemandem Dank auszusprechen; wenn die beiden ihre Schuhe in Reih und Glied aufstellen; wenn sogar unser wilder Kolya sich in seiner Gruppe absolut einordnet; wenn die beiden Jungs mit ihren Urutoraman spielen; wenn Milan den hundertsten Tsuru (Kranich) mit Origami herstellt; wenn Milan und Kolya auf vielen Fotos auf japanische Art das Peace-Zeichen machen: Wenn wir all das sehen, tut es uns im Herzen Leid, dass wir sie hier herausnehmen müssen und in eine deutsche Schule und in einen deutschen Kindergarten einpflanzen müssen, wo wir halt bei weitem nicht so sicher sind, dass sie dort so aufgenommen und umsorgt werden.
Es war eine schöne Feier heute, und ich bin froh, dass wir sie organisiert haben, besser gesagt meine Frau. Die vergangene Woche war in dieser Hinsicht eher trist gewesen, umso schöner war es zu sehen, wie fest verankert Nicole, Milan und Kolya in ihrer japanischen Gemeinschaft sind, so dass es schon jetzt massenhaft Angebote zur Unterkunft gibt, wenn wir doch nur einmal wieder nach Japan kommen. Vielleicht kommen wir ja wirklich …