Situation in Deutschland und Japan
Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts war Deutschland weiterhin in viele Kleinstaaten unterteilt; schaut man sich ein Karte an, dann sieht man einen Flickenteppich, der kaum an das heutige einige Deutschland erinnert. Preußen war die vorherrschende Macht in diesem Gebilde, hatte aber in Österreich einen Gegner beim Kampf um diese Vormachtstellung. Während Österreich im Mittelmeer über eine starke Flotte verfügte, besaß Preußen lediglich eine starke Landarmee.
Japan war zwar ein einheitlicher Staat, hatte aber mindestens ebenso große Probleme wie Deutschland: Nach zweihundertjähriger weitgehender Abschottung von der Außenwelt war man durch die Schwarzen Schiffe gezwungen worden, sich genau dieser Außenwelt zu öffnen, ja man war sogar dazu genötigt worden, sog. Ungleiche Verträge zu unterzeichnen, die den Vertragspartnern (USA, England) Eingriffe in die Selbständigkeit Japans gestatteten.
Zielsetzung Preußens bei der Eulenburg-Expedition
In Preußen gab es Ende der 50er Jahre starke Bestrebungen, die Wirtschaft zu öffnen, am Welthandel teilzunehmen und somit Preußen eine gewisse Weltgeltung zu verschaffen. Man wollte eine Gesandtschaft nach Ostasien schicken, um mit den dortigen Ländern in Kontakt zu treten und dort wirtschaftliche Interessen zu sichern. Dies sollte alles im Namen des deutschen Zollvereins sowie der Hansestädte geschehen, so dass Preußen hier wie der Vertreter eines geeinten Deutschlands auftrat. Preußen übernahm hier also die Rolle eines Vorreiters der deutschen Einigung, die tatsächlich erst im Januar 1871 politische Realität wurde.
Die Reise
Die Reise der Expedition, die von dem Gesandten Friedrich Graf zu Eulenburg geleitet wurde, liest sich wie ein einziger Pannenbericht. Ursprünglich hatten die Preußen überhaupt kein hochseetüchtiges Schiff. Als man sich für die Expedition entschied, baute man jedoch ein Schiff, die Arcona, das jedoch schon nach der Fahrt durch Ost- und Nordsee für drei Monate in Südengland andocken musste, um überholt zu werden. Die Besatzung hatte kaum Hochseeerfahrungen, die einfachen Matrosen waren größtenteils zwangsrekrutierte, wehrpflichtige preußische Bauernsöhne, die noch nie ein Schiff betreten hatten. Viele von ihnen dersertierten in England, so dass auch für sie Ersatz in Berlin angefordert werden musste. Aber auch in der Folge schleppte sich die Arcona von Havarie zu Havarie und hatte im ersten Jahr der Reise durch Fahnenflucht und Tod über 20 Leute eingebüßt. Dagegen ging ein Begleitschiff, das einen Teil der Warenmuster transportierte, vor Japan in einem Taifun mit der gesamten Besatzung von 41 Mann verloren. Die Arcona schaffte es mit zerfetzten Segeln in die Bucht von Edo, dem heutigen Tokyo. Am besten überstand das Kriegsschiff Thetis die Reise – die war aber in England gekauft worden.
Motivation Japans, einen Vertrag mit Preußen einzugehen
Anfangs zeigten die Japaner keinerlei Interesse an einem Vertrag, änderten jedoch nach drei Monaten ihre Haltung. Warum das so war, weiß man nicht genau, vermutet wird,
dass die preußische Delegation verhältnismäßig liebenswürdig auftrat. Diese zeigte sich selber auch begeistert von dem unbekannten Land, mochte die Sauberkeit und Ordnung, die Gärten und das Landschaftsbild, Teehäuser und ähnliches.
dass die preußische Gesandtschaft immer wieder auf Gemeinsamkeiten zwischen Preußen und Japan hinwies und dabei ziemlich hartnäckig war.
dass die Japaner durch Verträge mit Rivalen der Engländer und der Amerikaner deren Vorangstellung schmälern wollten, Deutschland also zum Gegengewicht zu Großbritannien und den USA zu machen.
dass die Japaner durch ein überraschendes Einlenken den preußischen Gesandten von seiner Maximalforderung, den Führungsanspruch Preußens im ostasiatischen Raum, abzubringen hoffte.
Der Inhalt des Vertrages
Am 24. Januar 1861 wurde ein Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen beiden Ländern unterzeichnet, der den preußischen Handel und die preußische Schifffahrt in Japan regelte. Auch dies war wieder ein ungleicher Vertrag, da Preußen dieselben Sondervorrechte zugestanden wurden wie den anderen Mächten, die bereits Verträge mit Japan geschlossen hatten:
Folgen des Vertrages
Die Handelspolitik wurde unter dem preußischen Ministerpräsidenten Bismarck nicht weitergeführt, dieser stützte sich in der Folge auf die Blut-und-Eisen-Politik, um die deutsche Einigung unter preußischer Vorherrschaft voranzutreiben. Das wichtigste Resultat der über zweijährigen Expedition war die Tatsache, dass Preußen weltweit als Großmacht aufgetreten und akzeptiert worden ist. Für die deutsch-japanischen Beziehungen steht der Handels- und Schifffahrtsvertrag am Anfang der heute 150-jährigen Beziehungen, die insgesamt stets von einer positiven Grundhaltung dem anderen gegenüber geprägt waren.